| Studie des Adolf-Grimme-Instituts untersucht Familienbilder im Fernsehen. |
„Die
Filmwelt unterscheidet sich stark von der demographischen Realität
Deutschlands, die nach wie vor geprägt ist durch die klassische
verheiratete Familie mit meist zwei Kindern.“ so das Fazit von
Irmela Hannover und Arne Birkenstock, Autoren der Studie. Vier Wochen
Fernsehmaterial aus dem Jahr 2004 wurden angeschaut, analysiert und
untersucht, allein 14 erstausgestrahlte Spielfilme aus der Primetime
sowohl bei den öffentlich-rechtlichen, als auch bei den privaten
Sendern. Traditionelle und stabile Partnerschaften und Familien mit
Kindern unter zehn Jahren tauchen kaum auf. Vergleicht man die dargestellten Lebensformen mit der deutschen Realität, ergibt sich ein verzehrtes Bild: Im Film gibt es doppelt so viele Singles und dreimal so viele Alleinerziehende als in der tatsächlichen Statistik. 0,48 Kinder bekommt die deutsche Fernsehfrau und wird damit sogar von ihren männlichen Filmkollegen übertrumpft, die mit 0,6 Kind pro Filmfigur immerhin noch etwas fortpflanzungsbegeisterter erscheinen. Angesichts des realen Geburtenrückgangs resümieren Birkenstock und Hannover: „Das Filmleben potenziert den demographischen Niedergang des „wahren Lebens“ geradezu ins Apokalyptische.“ Wen wundert es da, dass die ganz alltäglichen Probleme ganz normaler Familien im Film auch keine Rolle spielen. Geldsorgen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Erziehungskompetenzen und das Bildungsniveau deutscher Schüler – die zentralen Fragen aktueller Familienpolitik sind für fiktive Fernsehdramaturgie ohne Bedeutung. Die vorhandenen Kinder sind selbstständig und unauffällig, die tägliche Hausarbeit spielt nur eine Randrolle, Geld ist immer genug vorhanden, das Eigenheim oder die großzügige Stadtwohnung lässt auf die höhere Mittelschicht schließen. „Das was Familien als Problem wirklich drückt – zumal die überproportional in der Armutsfalle steckenden weiblichen Alleinerziehenden – wird im Primetime-Fernsehfilm nicht thematisiert.“ Denn: Ein Fernsehfilm soll spannend sein. Irrungen und Wirrungen gehören zur Dramaturgie. Mr. Right muss erst gefunden werden, die alleinerziehende Mutter braucht Abenteuer, um unterhaltsam zu sein. Das 08/15 Vorstadtleben, Vater ganztags außer Haus, Mutter in Teilzeit und Kinder im Flötenunterricht, taucht deshalb zur besten Sendezeit nicht auf. Die Hausfrau, bis in die Achtziger noch feste Figur in Fernsehformaten, ist von der Bildfläche verschwunden. „Die revolutionäre Umkehrung des früheren TV-Hausmütterchens in die engagierte Berufsfrau frisst im wahrsten Sinne des Wortes ihre Kinder.“ schreiben Hannover und Birkenstock. 59 Prozent der Filmfrauen sind laut Grimme-Studie ledig, nur 4 Prozent sind ehelich zusammenlebend mit Kind. Und die wenigen Mütter, die fiktional in Szene gesetzt werden, haben kaum Probleme mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf: 73 Prozent der Fernsehmütter sind berufstätig (real: 53%), bei den alleinerziehenden Mütter sind es sogar 89 Prozent (real: 49%). Die Mehrheit ist attraktiv, entstammt der Mittelschicht und übt einen Akademikerberuf aus. Kindergarten und Hort scheinen unbekannt. |
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| Dass wahres Familienleben und – Schicksal durchaus erfolgreiche Formate bilden kann, zeigen die privaten Sender seit Jahren. So versorgt Katharina Saalfrank alias die „Supernanny“ jeden Mittwoch auf RTL verzweifelte Familien mit SOS-Erziehungshilfe. Auf RTL 2 tauschen Mütter für 10 Tage die Familien, um die eigenen Lebensstrategien auf universelle Tauglichkeit zu überprüfen. Zu anderer Zeit ziehen dort gleich zwei „Supermamas“ auf, um unglückliche Eltern und Kinder wieder sorgenfrei zu coachen. Doch die gezeigten Familienbilder sind überwiegend negativ besetzt. Die Supernannys treffen auf absolut dysfunktionale Familien: „Kinder werden dabei meist als Problem und nur selten als Bereicherung dargestellt, Eltern als überfordert und inkompetent.“ so Hannover und Birkenstock. Auch im Frauentausch wird mittels forcierter Gegensätze (Ordnungsfanatikerin trifft Chaotin) ein spannungsgeladenes Familienbild aufgebaut. In Nachrichtensendungen und Magazinen spielt Familienpolitik nur eine absolut untergeordnete Rolle. In der untersuchten Sendezeit 2004 machten diese nur ein Prozent aus. Als Aufmacher für diese Themen dienten überwiegend Gerichtsurteile und –prozesse, sodass auch hier eine negative Darstellung von Familie festgestellt wurde. Der mediale Blick richtet sich auf den „unpolitischen, familiären Nahbereich“, auf Schicksale, Kriminalität und Eltern-Kind-Beziehungen und nicht auf Themen familienpolitischer Debatten, wie Armutsvermeidung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
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![]() Was vermittelt das Fernsehen dem Zuschauer mit diesen Bildern von Familie? Verliert das Modell der Kernfamilie an Bedeutung angesichts fiktionaler Individualisten auf der ewigen Suche nach der wirklich, großen Liebe? Macht die Supernanny Mut oder fördert sie besonders bei jungen Menschen die Angst vor dem Terroristen Kind? Tatsächlich schaffen Fernsehfiguren Vorbilder. „Insbesondere die Daily Soaps werden dabei zu Sozialisationsinstanzen für junge Mädchen.“ so die Autoren. Wirklich alltagstaugliche Perspektiven und Zukunftsmodelle sind dabei aber kaum zu finden, denn fiktionale Formate vermögen reale Fragen über Familiengründung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Geschlechterrollen derzeit nicht zu beantworten. Hannover und Birkenstock fordern deshalb die Fernsehmacher auf, Familienbilder und –fragen realitätsnah und komplexer darzustellen. Besonders in Nachrichten- und Informationssendungen sollte dem „Megathema Familie“ viel mehr Raum zugestanden werden. Denn, so zitieren die Autoren den Fernsehwissenschaftler Prof. Lothar Mikos: „Wenn der soziale Wandel und seine Abbildung im Fernsehen sich gegenseitig beeinflussen und das Familienleitbild des Fernsehens damit auch zum Motor gesellschaftlicher Veränderungen wird, sollten sich die Fernsehmacher mit ihren Leitbildern kritischer auseinander setzen.“ Autorin:Bettina Levecke |